Presse
 
 

Pflegepersonal in Langzeiteinrichtungen am Anschlag

02.09.2021

 

Zwei aktuelle Vorfälle zeigen dringenden Handlungsbedarf. - Bis Pflegefachpersonen sich mit einem offenen Brief an die Zeitung oder mit einem Notruf an die Polizei wenden, muss viel passieren. So geschehen offenbar in zwei Einrichtungen eines Betreibers von Senioreneinrichtungen in Nordrhein-Westfalen, wie Neue Westfälische und Westfalen-Blatt berichteten. Die Klärung der genauen Umstände steht aus, aber beide Vorfälle werfen ein grelles Schlaglicht auf die Situation in der Altenpflege und sind das Ergebnis des Versagens der politischen Entscheidungsträger in diesem Sektor.

„Wir sehen hier die Folgen eines völlig unzureichend kontrollierten Marktes, dessen Ziele möglichst hohe Renditen sind. Die Qualität der pflegerischen Versorgung spielt hierbei kaum eine Rolle, und hierunter leiden pflegebedürftige Menschen und beruflich Pflegende gleichermaßen“, sagt Martin Dichter, Vorsitzender des DBfK Nordwest e.V. Zwecks Gewinnmaximierung wird an der Personalschraube gedreht und beruflich Pflegende werden ausgequetscht, bis sie nicht mehr können. Das führt zur Gefährdung von Leib und Leben von Bewohnerinnen und Bewohnern genauso wie von Pflegenden.

Der DBfK kritisiert diese unheilvolle Entwicklung seit Jahren und fordert verbindliche Personalmindeststandards in Tag- und Nachtdienst, die zwingend einzuhalten sind – so zum Beispiel in einer Stellungnahme aus dem Jahr 20181) oder in einem Positionspapier 20162). Als absoluten Minimalstandard für die sogenannte Nurse to Resident Ratio – also die Relation von Pflegefachpersonal zu Bewohner/innen – hat der DBfK schon damals 1 zu 8 für den Tagdienst und 1 zu 30 für den Nachtdienst gefordert. Wie weit die Realität zwischen dieser Minimalforderung und dem pflegerischen Alltag klafft, zeigt auch eine eindrückliche Bestandsaufnahme der Situation im Nachtdienst durch die Universität Witten-Herdecke3), der zufolge schon im Jahr 2015 eine Pflegefachperson im Nachtdienst durchschnittlich für 52 Bewohnerinnen und Bewohnern zuständig war.

„Seither ist nichts besser geworden“, beklagt Martin Dichter. „Ganz im Gegenteil. Die weder leistungs- noch verantwortungsgerechte Vergütung hat eine weitere Abwanderung von Pflegefachpersonen aus den Langzeiteinrichtungen und eine Ausdünnung der Personaldecke befördert. Und die immer extremer werdenden Arbeitsbelastungen bewirken eine kürzere Verweildauer im Beruf und verkürzte Arbeitszeiten. Die Teilzeitquote in der Altenhilfe liegt der Pflegestatistik 2019 zufolge bei 63%4). Stellen im Altenpflegesektor sind laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit am längsten unbesetzt: rund ein halbes Jahr! All dies sind Symptome der zuvor skizzierten unheilvollen Entwicklung. Hier muss die Politik dringend mit gesetzlich definierten Mindestpersonalvorgaben gegensteuern. Sie wären zeitnah auf Länderebene umsetzbar, wie das Beispiel Bremen zeigt. Alle bisher auf Bundesebene ergriffenen Maßnahmen einschließlich des Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetzes oder der Konzertierten Aktion Pflege sind unzureichend.“

Der DBfK ruft Pflegefachpersonen dazu auf, belastende und gefährdende Arbeitsbedingungen nicht länger hinzunehmen, sondern mit den entsprechenden Anzeigen auf den Arbeitgeber und im Bedarfsfall auf die zuständigen Kontrollinstanzen wie WTG-Behörde (ehemals Heimaufsicht) und Medizinischer Dienst (MD) zuzugehen, bevor die Situation eskaliert. Der DBfK berät dabei – und er rät zum Arbeitgeberwechsel, wenn dieser nicht reagiert. Niemand muss sich bis zur Selbst- oder Fremdgefährdung ausbeuten lassen.


1) https://www.dbfk.de/media/docs/regionalverbaende/rvnw/pdf/DBfK-Nordwest-WTG-NRW-2018-01-22.pdf
2) https://www.dbfk.de/media/docs/download/DBfK-Positionen/Positionspapier-Personalbemessung-in-stationaerer-Altenpflege-2016-05-30.pdf
3) http://dzd.blog.uni-wh.de/index.html%3Fp=11117.html
4) https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/Publikationen/Downloads-Pflege/pflege-deutschlandergebnisse-5224001199004.pdf?__blob=publicationFile

Die Pressemitteilung als PDF

Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe, DBfK Nordwest e.V.

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