Der 150. Geburtstag von Agnes Karll

 
 
Die Tafel am Geburtshaus von Agnes Karll. (Foto: Koch, Embsen)
Die Tafel am Geburtshaus von Agnes Karll. (Foto: Koch, Embsen)
Das Grab von Agnes Karll in Gadebusch. (Foto: DBfK)
Das Grab von Agnes Karll in Gadebusch. (Foto: DBfK)
 

Wer sich für die Pflegeberufe interessiert und sich mit Pflegeberufspolitik beschäftigt, kommt an der Person Agnes Karll nicht vorbei. Sie ist die Gründerin unseres Berufsverbandes und ihre Gedanken und Ziele sind bis heute aktuell. Am 25. März 2018 jährte sich Agnes Karlls Geburtstag zum 150. Mal.

Agnes Karll wurde 1868 im kleinen Ort Embsen in der Lüneburger Heide geboren. Ihr Geburtshaus steht dort bis heute und trägt eine kleine Gedenktafel. 1887 begann sie mit 19 Jahren die Krankenpflegeausbildung im Clementinenhaus Hannover. Ab 1891 wohnte sie in Berlin Schöneberg, hier begann auch ihre berufspolitische Arbeit für den Pflegeberuf.

Am 11. Januar 1903 gründete sie die „Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands“ BOKD, den Vorläufer des heutigen DBfK. Sie wurde deren erste Vorsitzende. Ein Jahr später waren aus den zunächst 30 bereits 300 Mitglieder geworden. Parallel war Agnes Karll auch schon frühzeitig international vernetzt und aktiv. 1904 wurde der Weltbund der Pflegeberufe ICN (International Council of Nurses) gegründet. Deutschland war, vertreten durch Agnes Karll, eines der Gründungsmitglieder. 1909 wurde sie auch zur ICN-Präsidentin gewählt. Am 12. Februar 1927 starb sie im Alter von nur 58 Jahren nach schwerer Krankheit, ihr Grab befindet sich in Gadebusch in Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Lebensmotto: „Per aspera ad astra“ – Auf rauen Wegen zu den Sternen!

Ihr Ziel war stets, für den Krankenpflegeberuf bessere Rahmenbedingungen zu schaffen und die beruflich Pflegenden sozial abzusichern. Es gab seinerzeit kein definiertes Berufsbild, keine geregelte Ausbildung, gesetzlich definierte Arbeitszeiten oder tarifliche Vergütungen. Und auch keine Rente am Ende des Berufslebens. Der Verband zählte 1912 bereits 3.200 aktive Mitglieder und gewann bald auch politisches Gewicht. Symbol war von Anfang an das Lazaruskreuz.


Presseinformationen zur Verbandsgeschichte

 
 
 
 
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Auf den Spuren von Agnes Karll

Agnes Karll hat unübersehbare Spuren hinterlassen. Zuallererst natürlich durch ihre Visionen für eine gute und organisierte Berufsausübung in der Pflege, die Gründung der BOKD, durch Herausgabe der eigenen Verbandszeitschrift „Unterm Lazaruskreuz“ ab 1906 und ihre aktive Beteiligung an der Gründung und Arbeit des Weltverbands der Pflegeberufe ICN.

Sichtbar sind aber auch weitere Spuren:
- zwei Krankenhäuser, die ihren Namen tragen: das KRH Klinikum Agnes Karll Laatzen sowie die Agnes Karll Klinik Bad Schwartau
- die Agnes-Karll-Allee in Elmshorn
- Agnes-Karll-Straßen in Mainz, Gadebusch und in ihrem Geburtsort Embsen
- die Agnes Karll Gesellschaft für Gesundheitsförderung und Pflegeforschung gGmbH Berlin
- das Klingeltableau am Eingang der Geschäftsstelle des DBfK Nordwest, dessen Bildungsinstitut ebenfalls ihren Namen trägt

Agnes-Karll-Strasse in Mainz. (Foto: Huneke)
Agnes-Karll-Strasse in Mainz. (Foto: Huneke)
Das Agnes Karll Krankenhaus in Bad Schwartau. (Foto: DBfK)
Das Agnes Karll Krankenhaus in Bad Schwartau. (Foto: DBfK)
Eingangsschild der Geschäftsstelle des DBfK-Nordwest in Hannover. (Foto: DBfK)
Eingangsschild der Geschäftsstelle des DBfK-Nordwest in Hannover. (Foto: DBfK)
 
 
 

Wilde Schwestern finden ein Zuhause

Heute würden wir sagen: Es herrschte Start-up-Atmosphäre. Eine Zeitreise in das Jahr 1903, in dem Agnes Karll in Berlin den Berufsverband gründete.

Draußen klirrte die Kälte. Doch trotzdem kamen 37 Krankenschwestern an jenem eisigen Sonntagabend im Januar im großen Berliner Zimmer des Emmaus in der Ziethenstraße 10 zusammen. Sie hörten aufmerksam zu, als Agnes Karll ihnen erzählte, was sie und eine Handvoll anderer Krankenschwestern vorhatten: Um aus der karitativen, kirchlichen Tätigkeit des Pflegens einen echten, leistungsgerecht bezahlten Beruf zu entwickeln, sollte ein Berufsverband gegründet werden, der sich unabhängig von Konfessionen und Mutterhäusern für die Professionalisierung der Pflege einsetzen sollte. In den Tagen zuvor hatte Agnes Karll mit Hilfe einer Mitschwester eine Satzung für die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (B.O.K.D.) geschrieben. „Zweifel an der Durchführbarkeit unserer Pläne waren unvermeidlich. Man schlug schon eine nochmalige Zusammenkunft vor, da wurde entschieden auf eine sofortige Entscheidung gedrungen und siehe da, 28 stimmten für Annahme der Satzung", erinnerte sich zehn Jahre später Agnes Karll (aus „Geschichte der Krankenpflege'', Nutting & Dock, Berlin 1913, S.428ff).

Agnes Karll schrieb den deutschen Teil im Grundsatzwerk "Geschichte der Krankenpflege" von Adelaid Nutting und Lavinia Dock (v.li.). Hier mit Emmy Oser. (Foto: DBfK-Archiv)
Agnes Karll schrieb den deutschen Teil im Grundsatzwerk "Geschichte der Krankenpflege" von Adelaid Nutting und Lavinia Dock (v.li.). Hier mit Emmy Oser. (Foto: DBfK-Archiv)

Sofort wurde das Komitee zum vorläufigen Vorstand gewählt und bereits am nächsten Tag hatte die Berufsorganisation 30 Mitglieder. Voller Aufregung und in bürokratischen Dingen völlig ungeübt, machten sich die Schwestern auf den Weg zum Polizeipräsidium, um den Verein ordnungsgemäß anzumelden. Doch der Weg war vergeblich: Es hätten alle fünf Vorstandmitglieder anwesend sein müssen. Agnes Karl! berichtete: „Nach eingehender Prüfung der Satzungen erfolgte am 20. Januar zudem die Entscheidung, dass die Eintragung nicht zulässig sei, da man das schon geplante Bureau als wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb an­ zusehen habe." Stattdessen schlug man den Damen vor, sie sollten für ihre Organisation die Verleihung der Korporationsrechte beantragen, ,,was uns naturgemäß der sym­pathischere, da er für unsere Stellung nach außen eine ganz andere Bedeutung haben mußte".

Seit knapp 16 Jahren lebte Agnes Karll damals mit vier Schwestern in einer kleinen Wohnung in der Ansbacher Straße 2. Jetzt wurde dieses friedliche Domizil in ein geschäftiges Büro verwandelt. Agnes Karll erinnert sich später, dass bereits im ersten Monat fast 200 Postsachen hereinkamen - und erledigt werden mussten. Bereits am 29. Januar 1903 traf man sich in einem größeren Kreis: „Mit welchem Unbehagen begann ich meine erste öffentliche Darlegung der Verhältnisse und dessen, was wir erstrebten! Unter den Schwestern befangenes Schweigen!"

Der Redakteur der „Deutschen Krankenpflege-Zeitung" brach das Schweigen und fragte, ob man denn nur einen halben Schritt täte, wenn man zwar die Krankenpflege als Beruf auffassen, sich aber weiterhin Schwester nennen wolle. „Auf diesen Einwurf, dem innerlich keine der Anwesenden zustimmen konnte, waren wir nicht gefasst. Ei­ne Mitschwester erklärte sofort, dass auch als berufliche Pflegerin der Zusammenschluss zu einer Schwesternschaft gut täte. Ich setzte hinzu, dass unser Ziel nur in schwesterlichem Zusammensein erreicht werden könne. Fachverband und doch Schwesternschaft wurde also gleich im Beginn unsere Signatur, wenn auch nicht so stark betont, wie das in Zukunft wünschenswert ist."

Agnes Karll als Mitbegrüdnerin und Ehrenpräsidentin bei einem ICN-Kongress. (Foto: ICN-Archiv)
Agnes Karll als Mitbegrüdnerin und Ehrenpräsidentin bei einem ICN-Kongress. (Foto: ICN-Archiv)

Zwei Monate später machten sich die Mitglieder der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands ganz praktische Gedanken: Sie suchten nach einem Abzeichen, dass die Schwestern ähnlich wie das Rote Kreuz tragen könnten, sie suchten nach geeigneten Büroräumen, weil die Mitbewohnerinnen von Agnes Karll wegen der vielen fremden Menschen in der Wohnung anfingen, unwirsch zu werden. Hinzu kam, dass sich Agnes Karll und die anderen im Einbringen von amtlichen Eingaben übten: Von all denen, die man zwei bis drei Mal beantragte, wurde nur ein einziger bewilligt: Die Mitglieder der B.O.K.D. erhielten innerhalb der Stadtgrenzen Berlins eine Fahrpreisermäßigung. Agnes Karll erinnert sich: „Bis zum Juli war die Korrespondenz so angewachsen, dass wir am 15. August eine zweite Bureauschwester an­stellten." Und sie fragte sich, ob sie alle jemals wieder die Begeisterung und den Frohgemut der ersten Zeiten empfinden würden: „Werden wir je wieder auch die größten Erfolge, schwer errungen, wie sie alle sein werden, mit solchem Jubel begrüßen, wie damals jeden kleinsten Schritt vorwärts?"

Und sie machten sich viele Gedanken: Wer sollte in den damals wie Pilze aus dem Boden sprießenden Ortsgruppen das Sagen haben? Die Schwestern wollten sich von allen „fremden Elementen" freihalten, die keine Fachkenntnis besaßen. „Bei den ausreichenden abschreckenden Beispielen des In- und Auslandes müssen wir aber stets im Auge haben, dass wir nicht in unsere Gleichgültigkeit zurückfallen dürfen, die uns dauernd zu Werkzeugen fremden, nicht sachverständigen Willens machte, weil wir nicht Einsicht genug hatten, unsere Geschäf­te selbst zu führen, und es bequemer fanden, unverantwortlich und selbständig zu sein."

Immer wieder ging es - und geht es auch heute - um die Qualität der Fachkenntnisse, die alle Schwestern im Berufsverband verbinden sollte. Agnes Karll notierte in ihrem Artikel von 1913: "Für jeden anderen Beruf entwickelt sich bald ein Maßstab des Könnens, während man, solange Krankenpflege in Deutschland das Monopol der religiösen und karitativen Genossenschaften war, sehr häufig die Wichtigkeit der Fachkenntnisse ganz übersah. Dieses haben wir geändert."

Autorin: Daniela Fritsche (erschienen in "Pflege Aktuell" im Januar 2003, anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe)

 
 

Und so ging's weiter...

Agnes Karll Buch Cover

Ein neues ABC

"Wir lernten allmählich ein neues ABC, das der Geschäfte und der Öffentlichkeit. Es lässt sich nicht verkennen, welche großen Fortschritte die Beruforganisation nach jeder Richtung gemacht hat. Der Außenstehende wird besonders den Fortschritt sehen, wir in der Arbeit Stehenden empfinden neben der Freude an dem Erreichten bitter das, was noch zu tun übrigbleibt."


Wie es mit der „Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands" in der spannenden Gründungsphase weiterging beschreibt Anna Sticker ausführlich in ihrem Buch: "Agnes Karll. Die Reformerin der deutschen Krankenpflege. Aussaat Verlag, Wuppertal. 1977, 2. durchgesehene und ergänzte Auflage.

Hier ein Auszug aus dem Kapitel "Ein neues ABC"


Agnes Karll Artikel




Eine ausführliche Biographie über Agnes Karll hat der Bibliomed-Verlag anlässlich ihres 90. Todestags im Mai 2017 unter dem Titel "Reformerin, Visionärin, Weltbürgerin" veröffentlicht.

 
 
 

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Interview Franz Wagner zu Agnes Karll

"Ihre Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit hat mich am meisten beeindruckt. Sie hat nie den roten Faden verloren und weiter an ihrem Ziel gearbeitet, die Pflege zu professionalisieren." Das sagt DBfK-Bundesgeschäftsführer Franz Wagner im Interview über die Vordenkerin Agnes Karll.

erschienen in: "Die Schwester Der Pfleger", Juni 2017, Bibliomed Verlag.

Agnes Karll Leben und Wirken


Agnes Karll - Ihr Leben und Wirken.

"Kluger Sinn und ein warmes Herz zeichneten sie aus." Die Stationen des Lebens von Agnes Karll - aufgezeichnet von Oberin Helene Blunck.