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„Pflegende sollten in 2030 die europäische Gesundheitspolitik anführen!“

In einem Interview hat Martin Dichter, Vorsitzender des DBfK Nordwest Fragen an Elizabeth Adams, Präsidentin der Europäischen Vereinigung der nationalen Pflegeberufsverbände (European Federation of Nurses Association, EFN), zur Europawahl 2019 gestellt.


Der Pflegeberuf bietet riesige Chancen für eine vielseitige und dynamische Karriere.


Martin Dichter: Warum haben Sie sich für den Heilberuf Pflege entschieden?


Elizabeth Adams: Ich habe mich für den Pflegeberuf entschieden, weil es ein interessanter und herausfordernder Beruf ist, der einen Unterschied im täglichen Leben der Menschen ausmacht. In der Pflege befasst man sich mit vielen Aspekten der Patientenfürsorge und es gibt riesige Chancen für eine vielseitige und dynamische Karriere, wie ich in meinen 35 Jahren Berufserfahrung erlebt habe.
Nach meiner Erstqualifikation bin ich von der direkten Pflege in der Praxis ins Management gewechselt und war für eine Reihe von Operationssälen und andere Dienstleistungen verantwortlich. Ich hatte das Privileg, in zwei Gesundheitsministerien in Australien und Irland bei wichtigen Gesundheitsreformen mitzuarbeiten. Als Beraterin für Gesundheitspolitik in Genf beim International Council of Nurses (ICN) war die Zusammenarbeit mit Pflegekolleginnen und -kollegen aus aller Welt eine außergewöhnliche Erfahrung. Daneben oblag mir die Leitung bei der Einführung der Verschreibung medizinischer Produkte durch Pflegefachpersonen und Hebammen in Irland. Es gibt noch viele andere Beispiele; zurzeit bin ich Präsidentin der Europäische Vereinigung der nationalen Pflegeberufsverbände in Europa (EFN), die drei Millionen Pflegefachpersonen vertritt, die Politik beeinflusst und die Profession unterstützt.
Der Pflegeberuf ist ein wunderbarer Beruf, der Menschen in allen Lebensphasen unterstützt. Als Pflegende machen wir den positiven Unterschied für viele Menschen mit Pflegebedarf aus und unser Beruf bietet eine abwechslungsreiche Karriere mit vielen Möglichkeiten etwas zu bewegen.

Elizabeth Adams lebt in Dublin, Ireland und ist Präsidentin der European Federation of Nurses Associations (EFN, Europäische Vereinigung der nationalen Pflegeberufsverbände in Europa). Sie ist Registered General Nurse und Pflegewissenschaftlerin, M.Sc. und in verschiedene akademische Einrichtungen eingebunden (Adjunct Professor University College, Dublin, Adjunct Associate Professor Curtin University Western Australia und Fellow of the American Academy of Nursing).

Martin Dichter: Warum ist es wichtig, sich als Pflegefachperson im Berufsverband zu organisieren?

Elizabeth Adams: Die EFN verbindet Pflegefachpersonen aus 36 Mitgliedsstaaten über ihre nationalen Berufsverbände – mehr als drei Millionen Pflegefachpersonen in ganz Europa und darüber hinaus. Wenn beruflich Pflegende sich zusammenschließen, haben wir eine viel stärkere gemeinsame Stellung in der Politik auf lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Ebenen. In der Anzahl liegt die Kraft der mehr als drei Millionen Pflegefachpersonen, die mit einer Stimme zu wichtigen Gesundheitsthemen sprechen. Dies beeinflusst die Politik und hat Auswirkungen auf ganz Europa.
Die Bedeutung der Ausgestaltung der europäischen Politik darf nicht unterschätzt werden. Die nationalen Regierungen schließen sich häufig der europäischen Politik an, die dann zwangsläufig in den Ländern umgesetzt werden muss. Daher beeinflusst die EFN strategisch die Politik, die für die Pflegefachpersonen in der direkten Pflege und für die Bevölkerung, die sie versorgen, von Bedeutung ist.


Eine Beteiligung am politischen System und ein Verständnis dafür sind unerlässlich, um die Grundlagen für zukünftige Veränderungen zu schaffen.


Martin Dichter: Das Europäische Parlament wurde am 26. Mai gewählt. Warum ist diese Wahl wichtig für Pflegende in Europa?

Elizabeth Adams: Gegenwärtig ist die Gesundheitsversorgung an einem Wendepunkt. Auf der einen Seite setzen sich politische Entscheidungsträger/innen und Forscher/innen sehr für Selbstpflege-Programme, für Patientenrechte und die Förderung von gemeindenahen Dienstleistungen ein. Auf der anderen Seite herrschen immer noch Krankenhauszentrismus und Hyperspezialisierung.
Das Europäische Parlament hat im Laufe der Jahre bedeutende Befugnisse im EU-Gesetzgebungsprozess erhalten. Die 751 Parlamentsmitglieder (705 nach dem Brexit) verabschieden gemeinsam mit den 28 EU-Mitgliedsstaaten Gesetze zu zwei wesentlichen Punkten: (1) Gesetze zu Regelungen des Binnenmarkts und (2) Verordnungen, wie der EU-Haushalt ausgegeben wird.
Die Europäische Kommission hat das Recht, Richtlinien und Verordnungen zu erlassen – ein wirksames Mittel zur Festlegung der politischen Agenda. Vor dem Hintergrund der vielen Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung gibt es daher erhebliche Chancen für Pflegende, die strategische Ausrichtung der Politik und des Gesundheitswesens zu steuern. Eine Beteiligung am politischen System und ein Verständnis dafür sind jedoch unerlässlich, um die Grundlagen für zukünftige Veränderungen zu schaffen.

Martin Dichter: Welche Erwartungen hat die EFN an die neu gewählten EU-Parlamentarier?

Elizabeth Adams: Die Erwartungen sind hoch, wenn man bedenkt, dass wir Pflegefachpersonen über mehr als drei Millionen Stimmen verfügen. Die EFN kann nicht genug betonen, wie wichtig Lobbyarbeit bei potentialen Kandidatinnen und Kandidaten ist, und die Sicherstellung, dass sie bis 2025 mit und für die Profession Pflege arbeiten und sich für diese einsetzen. Daher hat die EFN mit ihren Mitgliedern ein klares, prägnantes Manifest für Pflegefachpersonen zur Wahl veröffentlicht, um sicherzustellen, dass wir alle Politiker gemeinsam mit einer Stimme ansprechen. Der Handlungsaufruf der EFN für die Kandidatinnen und Kandidaten zum europäischen Parlament beinhaltet vier wesentlich Punkte:
• Investition in die Pflegeausbildung auf europäischer und nationaler Ebene – vor dem Hintergrund, dass wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass mehr Pflegende mit Hochschulabschluss eine bessere Versorgungsqualität für Patienten erzielen.
• Sicherstellung fairer Arbeitsbedingungen für beruflich Pflegende und einer angemessenen Planung der Gesundheitsfachberufe, um ihren Beitrag zur Qualität und sicheren Gesundheitsversorgung für alle Bürger zu maximieren.
• Bereitstellung einer wertorientierten Gesundheitsversorgung auf der Grundlage von Qualität und Patientensicherheit und nicht nur von steuerlichen Maßnahmen.
• Anerkennung der Pflegeforschung als grundlegender Pfeiler der evidenzbasierten Gesundheitspolitik.

Martin Dichter: Vor der EU-Wahl haben die Schlagzeilen von dem möglichen Brexit dominiert. Welche Folgen hätte, Ihrer Meinung nach, der Brexit für europäische Bürgerinnen und Bürger, insbesondere für europäische Pflegefachpersonen?

Elizabeth Adams: Die Europäische Union (EU) steht zurzeit vor großen Herausforderungen, die alle Bürgerinnen und Bürger betreffen, vom Brexit bis hin zu einem vermutlich bevorstehenden Abschwung der europäischen Wirtschaft. Angesichts des jüngsten Handelskrieges zwischen den Vereinigten Staaten und China mit der gegenseitigen Vergabe von Zöllen, werden Wirtschaftsgrenzen Europa nicht immun gegen weitere wirtschaftliche Herausforderungen machen. Die Bedeutung für Pflege und Gesundheit, eine stabile Politik zu haben, die die globalen wirtschaftlichen Einflüsse abschwächt, ist heute wichtiger denn je. Es ist daher unerlässlich, dass die EFN gestärkt und befugt wird, auf die politische Agenda der EU Einfluss zu nehmen, besonders bei dem aktuell herrschenden Wirtschaftsklima.

Martin Dichter: Was können Pflegende in Europa gegenseitig voneinander lernen?

Elizabeth Adams: Die Bedeutung der EFN für die Modernisierung und Verbesserung der Qualität der Pflegeausbildung in Europa kann nicht genug betont werden. Die EFN wurde 1971 gegründet, als die Europäische Kommission die Richtlinie über die gegenseitige Anerkennung von Berufsqualifikationen entworfen hat, um die Freizügigkeit von Pflegefachpersonen und anderen Fachkräften in Europa zu fördern. Seit 1971 hat sich die Pflegeausbildung erheblich verändert, und die EFN hat die Europäische Kommission und das Europäische Parlament hinsichtlich der Modernisierung der Richtlinie 2005/36/EG beraten. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie die nationalen Pflegeberufsverbände voneinander gelernt haben, die Standards und die Anerkennung des Pflegeberufs europaweit anzuheben, um die Qualität und Sicherheit der Gesundheitsversorgung für alle Bürgerinnen und Bürger zu verbessern. In vielen Ländern ist die Pflegeausbildung inzwischen vollständig auf Hochschulniveau angehoben, und in anderen Ländern ohne die Tradition eines Bachelor-Abschlusses für Pflegefachpersonen werden neue, erweiterte Programme aufgestellt, die den Zugang zu einer Hochschulausbildung für Pflegefachpersonen erheblich verbessern.
Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise führten zur Schließung von Krankenhausabteilungen und anderer Gesundheitseinrichtungen, zu geringeren Gehältern, verschlechterten Arbeitsbedingungen, einer Reduzierung der Anzahl beruflich Pflegender, einer zunehmenden Arbeitsbelastung und der damit verbundenen Unsicherheit über die Qualität und Sicherheit der Gesundheitsversorgung. Über viele Jahre hinweg schon tauschen sich die Mitgliedsverbände des EFN über die Auswirkungen auf das Gesundheitswesen aus. Dieser Austausch von Informationen ist für die strategische Lobbyarbeit der EFN von wesentlicher Bedeutung, um die Schwierigkeiten der Pflegefachpersonen bei der Bereitstellung sicherer und qualitativ hochwertiger Pflegeleistung sowie auch die Ungleichheit der Bürgerinnen und Bürger in Bezug auf diese Leistungen in der EU darzustellen. Es gibt viele Möglichkeiten des länderübergreifenden Austausches von Informationen und Innovationen, auch auf der Grundlage von Best Practice. Zusammen lernen wir schneller und passen uns neuen Forschungsergebnissen und evidenzbasierter Praxis schneller an.

Martin Dichter: Worauf sind Sie als Pflegefachperson aus Irland besonders stolz?

Elizabeth Adams: Ich bin sehr stolz, aber gleichzeitig auch demütig, Präsidentin der EFN zu sein. Von 36 nationalen Pflegeberufsverbänden einschließlich einer so großen Organisation wie dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) gewählt zu werden, ist eine Ehre, und ich nehme diese Verantwortung und das Vertrauen sehr ernst, um für unseren Beruf etwas zu leisten.


Es ist von entscheidender Bedeutung, den Beitrag der Pflege zur klinischen Wirksamkeit und den breiteren sozialen Nutzen für die Bevölkerung und die Wirtschaft zu ermitteln und darzustellen.

Martin Dichter: Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, um politische Veränderungen für Pflegefachpersonen in ganz Europa und den einzelnen EU-Staaten zu erreichen?

Elizabeth Adams: In vielen westlichen Demokratien verbraucht die Pflege einen vergleichsweise großen Teil des Gesundheitsbudgets und leistet den größten Anteil an unmittelbarer Patientenversorgung. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, den Beitrag der Pflege zur klinischen Wirksamkeit und den breiteren sozialen Nutzen für die Bevölkerung und die Wirtschaft zu ermitteln und darzustellen. Vorhersagemodelle zum Bedarf an gesundheitlicher und sozialer Fürsorge für das nächste Vierteljahrhundert berichten von einer erschütternden Verschiebung des Bevölkerungsalters, der Multimorbidität und der Komplexität der Bedürfnisse. Gegenwärtig werden 97% des Gesundheitsbudgets für Behandlungen ausgegeben, aber nur 3% in die Prävention investiert. Gezielte Initiativen, die Anteile des nationalen gesundheitspolitischen Budgets für Prävention und patientenorientiertes Assessment umverteilen, bieten der beruflichen Pflege Chancen, Lücken in der Leistungserbringung zu schließen. Es gibt eine Reihe bedeutender Projekte und politischer Entwicklungen, für die die EFN von zentraler Bedeutung ist. Fragen zu Gesundheit, Patientenversorgung, Mobilität von Angehörigen der Gesundheitsberufe, Bildung, Arbeitsbedingungen, Arbeitsumfeld, Technologie und Gesundheitsfinanzierung bleiben weiterhin im Mittelpunkt der Debatten der EU. Schlussendlich führen diese Debatten zu einer Gesetzgebung, die von allen Mitgliedsstaaten umgesetzt werden muss.

Martin Dichter: Was sollten Pflegefachpersonen in Europa bis 2030 erreicht haben?

Elizabeth Adams: Die Führung der Gesundheitspolitik in der EU. Unsere Vision ist eine große Gruppe von Pflegefachpersonen, die 2030 als Europaabgeordnete gewählt werden. Es gibt keinen Grund, warum wir als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen nicht angemessen durch europäische Pflege-Abgeordnete vertreten werden sollten. Wenn wir theoretisch nur drei Pflegefachpersonen aus jedem Mitgliedstaat dort hätten – stellen Sie sich vor wie viel Macht annähernd 100 Pflege-Abgeordnete hätten, die mit einer Stimme für die Gesundheit und soziale Fürsorge der Bürgerinnen und Bürger Europas eintreten – wir könnten die Zukunft der Gesundheitsversorgung an vorderster Front verändern.


Weitere Informationen zur Arbeit der European Federation of Nurses Association, EFN, auf der Homepage der Organisation.

Der DBfK ist Mitglied in der EFN und Martin Dichter vertritt gemeinsam mit Franz Wagner, Geschäftsführer des DBfK Bundesverbandes, als Delegierter den Berufsverband auf nationaler Ebene.

efn interview

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