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"Ich möchte mich für mehr Mitsprache einsetzen"

Mit Jessica Heller im Gespräch

Die 31-Jährige Leipzigerin Jessica Heller arbeitet als Gesundheits- und Krankenpflegerin auf der internistischen Intensivstation der Leipziger Uniklinik. Sie ist Mitglied im DBfK Südost e.V. und kandidiert für den Bundestag. Bereits mit Anfang 20 hat sie erste Erfahrungen in der Politik gesammelt. Wenn sie im Bundestag sitzt, sieht sie sich in der Schnittstelle zwischen den professionell Pflegenden und den Politikerinnen und Politikern. Sie möchte den Dialog fördern und dafür sorgen, dass die Ideen und Anliegen der Pflege in die politischen Entscheidungen einfließen: „Es müssen die Strukturen dahingehend verändert werden, dass die Pflegenden noch besser in die Prozesse eingebunden werden.“

Von vielen Politikerinnen und Politikern haben wir gleich in der ersten Corona-Welle gehört, Pflege sei systemrelevant. Von den vielen Versprechen, die daraus resultierten, will jetzt keiner mehr etwas wissen. Pflegende sind nach wie vor sehr enttäuscht. Was melden Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen in der Politik zurück?

Jessica Heller: Dass Demokratie leider sehr langsam ist und Politiker sich schwer mit Themenfeldern tun, wo wenig Expertise an sie herangetragen wird. Die Versprechen sind ja Konsens in allen Parteien - die kritische Frage ist, wie kommen wir dahin? Andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen haben starke Lobbyvertreter:innen. Die Pflege- und Therapieberufe können ihre Sicht auf Gesundheitspolitik und ihre Forderungen viel weniger einbringen. Viele Kolleginnen und Kollegen verlassen sich darauf, dass sie im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) schon gut von den Ärztinnen und Ärzten mit vertreten werden. So funktioniert das aber nicht.


Welche ganz konkreten Pläne haben Sie für Ihren eigenen Berufsstand, wenn Sie in der großen Politik mitgestalten dürfen?

Heller: Ich möchte mich für mehr Mitbestimmung einsetzen, zum Beispiel für eine gleichberechtigte Stimme der Pflege im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen müssen wir maßgeblich mitgestalten können und nicht nur Empfänger sein. Auch sind mir unter anderem deutliche Lohnsteigerungen, vor allem in der ambulanten und stationären Pflege und flächendeckende Tarifverträge wichtig, um nur einige Punkte zu nennen. Eine große Zahl Pflegender hat in den vergangenen Monaten aufgrund der Arbeitsbedingungen, die sich mit Corona noch deutlich verschärft haben, den Beruf verlassen. Das macht mir große Sorgen. Daher müssen sich die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern, das sehe ich als eine meiner Hauptaufgaben. Auch Perspektiven und neue Berufsfelder für Pflegende zu schaffen, wie etwa die Community Health Nurse oder School Nurse, halte ich für wichtig, um den Beruf wieder attraktiver zu machen. Weniger Sorgen machen mir die vielen Menschen, die sich während oder wegen Corona entschieden haben, in den Beruf zu gehen.

Denken Sie, dass das einfach wird? Die Pflege hat keine große Lobby, auch wenn sie die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen ist.

 Heller: Es müssen die Strukturen dahingehend verändert werden, dass die Pflegenden noch besser in die Prozesse eingebunden werden. Eine stärkere Lobby kann man dadurch schaffen, dass man Pflege in die Gremien auf Landes- und Bundesebene noch besser, als das bislang der Fall ist einbezieht. Wir müssen beispielsweise auch eine Perspektive entwickeln für die Zukunft einer Pflegekammer. Ich möchte auch dafür sorgen, dass Pflege präsent ist, auch in der eigenen Partei. Übrigens muss auch jede Pflegkraft ihren eigenen Beitrag leisten, wenn es darum geht, Themen in die politische Diskussion und letztlich in die Wahlprogramme zu bringen. Ganz konkret könnten sie zum Beispiel ihre Wahlkreisabgeordneten ansprechen, Fragerunden organisieren und sich auch mit anderen vernetzen. Als erste Maßnahme im Bundestag möchte ich mich mit Gleichgesinnten in der Politik und den Verbänden vernetzen. Mir schwebt vor, beispielsweise einen parlamentarischen Abend zu organisieren, bei dem Pflegende ihre Ideen einbringen und sich mit Politiker:innen austauschen können. Meine Aufgabe sehe ich darin, die Politikerinnen und Politiker für Pflege zu sensibilisieren. Ich sehe mich in der Position, den Dialog zwischen den Pflegenden, die in der Praxis arbeiten, forschen und gute Ansätze verfolgen und den politischen Entscheidern zu ermöglichen.

Frau Heller, was treibt sie persönlich an, Politik mitzugestalten?

Heller: Mich hat es immer gestört, wenn auf Station nur gemeckert wurde und wenn immer nur gesagt wurde, was nicht geht. Das habe ich schon während meiner Ausbildung erlebt. Wenn ich dann nachgefragt habe, wie es besser gehen könnte, habe ich aber nie eine Antwort bekommen. Ich habe festgestellt, dass viele oft keine konkrete Vorstellung haben. Das hat mir nicht ausgereicht. Schon mein Opa hat gesagt, du musst immer fragen, wie du es besser machen kannst. Bereits in meiner Ausbildung gab es viel Missstände und ich habe von anderen oft nur gehört, dass jemand was für die Pflege tun sollte. Das fand ich ziemlich unbefriedigend. Ich hatte tatsächlich ganz viele Fragen und habe mich erst einmal informiert. Ich habe dann versucht zu vergleichen, wie Pflege beispielsweise in anderen Ländern organisiert ist. Daraus ist dann bei mir der Wunsch entstanden, in ein anders Land zu gehen. Ich war dann tatsächlich für einige Zeit in England und habe dort als Staff Nurse auf einer kardiologischen Station gearbeitet.

Pflege muss sich oft anhören, nicht politisch zu sein und zu denken. Erleben Sie das auch so?

Heller: Es gibt gerade auch in den sozialen Medien immer mehr Pflegende, die über Missstände reden und das ist gut. Ich würde mir aber wünschen, dass sich Pflege noch besser organisiert, in Berufsverbänden und Gewerkschaften. Wenn man sich informiert, dann kommt das Engagement aus meiner Sicht automatisch.

Vielen Pflegenden fehlt einfach der Mut, aufzustehen oder sie sind aus der Erfahrung heraus zu der Überzeugung gekommen, dass sich ohnehin nichts ändert und versuchen es deshalb gar nicht (mehr). Wie überzeugen Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen vom Gegenteil?

Heller: Es hilft, wie schon gesagt, Vergleiche zu ziehen: Zum Beispiel hat der Klimaprotest mit einer kleinen Schüleraktion angefangen und dann hat es die Klimaaktivistin Greta Thunberg geschafft, im Weltwirtschaftsforum zu sprechen. Wir sind die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen und wir schaffen es nicht, uns so zu organisieren, dass wir Entscheidungsträger mit unseren Forderungen erreichen und sie überzeugen. Andere schaffen es doch auch! Natürlich sind viele erschöpft und frustriert. Sich da noch zu motivieren, ist natürlich sehr schwierig. Mir ist es an dieser Stelle wichtig zu sagen, dass Politiker:innen auch nur mit Wasser kochen und dankbar sind für jeden fachlichen Input, den sie kriegen können. Bisher bekommen sie den halt nur viel seltener von Vertreter:innen der Pflege als von den anderen Interessengruppen.

Wie kann jeder selber Politik mitgestalten ohne gleich in die große Politik zu gehen?

Heller: Man kann zum Beispiel die Kolleginnen und Kollegen unterstützen, die sich in der Öffentlichkeitsarbeit oder in den Gremien organisieren. Es ist wichtig, das Gespräch mit den Politikerinnen und Politikern zu suchen und beispielsweise Entscheidungen auch kritisch zu hinterfragen. Es war noch nie so leicht wie jetzt, denn man findet viele Gesetze im Netz und kann sich beispielsweise auf digitalen Plattformen mit Politikerinnen und Politikern austauschen. Auch sollten wir mit anderen unterrepräsentierten Berufsgruppen zusammenarbeiten, zum Beispiel mit den Therapeutenverbänden. Und wie gesagt, mir ist der Dreiklang aus Berufsverbänden, Gewerkschaften und Pflegekammer wichtig. Nur gemeinsam können wir das deutsche Gesundheits- und Pflegesystem zukunftsfähig machen - für uns, die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen.

Heller

Jessica Heller.

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