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"Ich möchte Mut machen und die Pflegenden beim politischen Diskurs unterstützen"

Seija Knorr-Köning im Gespräch

Die 27-jährige Seija Knorr-Köning arbeitet als Gesundheits- und Krankenpflegerin am Klinikum Rechts der Isar, am Neuro-Kopf-Zentrum auf der Intensivstation. Sie hat bereits mit 18 Jahren erste Erfahrungen in der Politik gesammelt. Sie ist Mitglied im DBfK Südost und kandidiert für den Bundestag. Wenn sie in den Bundestag einzieht, möchte sie sich unbedingt um eine bessere Lobby der Pflege kümmern, Vermittlerin sein zwischen Berufsverbänden, Gewerkschaften, Kammern und den Menschen, die sich für den Beruf einsetzen: „Es gibt sehr viel Expertise in der Pflege. Mein Traum ist es, die Pflegeexpert:innen frühzeitig bei Gesetzesentwürfen einzubinden.“


Frau Knorr-Köning, von vielen Politikerinnen und Politikern haben wir gleich in der ersten Corona-Welle gehört, Pflege sei systemrelevant. Von den vielen Versprechen, die daraus resultierten, will jetzt keiner mehr etwas wissen. Pflegende sind nach wie vor sehr enttäuscht. Was melden Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen in der Politik zurück?

Seija Knorr-Köning: Da gibt es zwei Seiten. Pflege ist sehr passiv, das heißt, sie bringt sich selber wenig in den politischen Diskurs ein. Politikerinnen und Politiker wissen, sobald sie konkrete Verbesserungen herbeiführen möchten, reicht es nicht aus, an einer kleinen Stellschraube zu drehen. Wenn man beispielsweise die Löhne in der Altenpflege erhöhen möchte, ist die Konsequenz, dass man höhere Beiträge für die Pflegebedürftigen hat. Ich will damit sagen, dass es auf vieles keine einfache Antwort gibt. Das Gesundheitssystem ist so komplex, dass Politiker:innen befürchten, mit kleinteiligen Antworten mehr kaputt als besser zu machen.

 
Welche ganz konkreten Pläne haben Sie für Ihren eigenen Berufsstand, wenn Sie in der großen Politik mitgestalten dürfen?

Knorr-Köning: Als Übergangslösung würde ich als erstes die PPR 2.0 auf die Beine stellen. Es gibt kein perfektes Personalbemessungssystem. Wir brauchen daher unbedingt eine akademische Pflegeforschung, um das System kontinuierlich zu verbessern. Wir müssen in die Pflegeforschung und Akademisierung und damit in die Professionsentwicklung investieren, um beispielsweise die Evaluation des Pflegeberufegesetzes nicht alleine der Politik zu überlassen. Abgesehen davon möchte ich mich auch um bessere Arbeitsbedingungen und die faire Entlohnung der Pflegenden kümmern.


Denken Sie, dass das einfach wird? Die Pflege hat keine große Lobby, auch wenn sie die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen ist.

Knorr-Köning: Es wird sicher nicht einfach. Ich verfolge dabei zwei Strategien: Ich würde regelmäßig im Gesundheitsministerium präsent sein und mich mit denjenigen austauschen, die die Vorlagen beispielsweise für Gesetzesentwürfe schreiben und mich einbringen. Außerdem möchte ich Schnittstelle sein zwischen Berufsverbänden, Gewerkschaften, Kammern und den Menschen sein, die sich für den Beruf einsetzen. Es gibt sehr viel Expertise in der Pflege. Mein Traum ist es, die Pflegeexpert:innen frühzeitig bei Gesetzesentwürfen einzubinden. Übrigens braucht es auch eine Neustrukturierung der ambulanten und stationären Versorgung. Wir können die Landeskrankenhausplanung und die ambulante Versorgung mit Niedergelassenen nicht mehr getrennt voneinander betrachten, sondern wir müssen sie zusammenführen und in diesen Prozess auch die Pflege einbinden. Die Kassenärztlichen Vereinigung darf hier nicht mehr alleine entscheiden, sondern muss zurück an den demokratischen Tisch geführt werden.


Was treibt sie persönlich an, Politik mitzugestalten?

Knorr-Köning: Ich war schon vor meiner Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin Parteimitglied. Während meiner Ausbildung habe ich dann angefangen, zu politisieren und Anträge zu pflegepolitischen Themen zu schreiben, zum Beispiel zur Personalbemessung und zu Vorbehaltsaufgaben. Ich wollte dann aber irgendwann selbst etwas ändern. Ich habe beispielsweise gemerkt, dass ich die die vielen coolen Sachen, die ich in der Ausbildung gelernt habe und dem professionellen Anspruch des Berufs aufgrund der Rahmenbedingungen nicht nachkommen kann. Ich habe Kolleginnen versucht zu überzeugen, dass wir selbst den Hintern hochbekommen müssen, wenn sich etwas ändern soll. Ich habe mich dann dafür entschieden, es selbst zu machen und im vergangenen Jahr in der Partei den Wunsch geäußert, Verantwortung übernehmen zu wollen. Ich habe dabei viel Rückhalt und Unterstützung erfahren.


Pflege muss sich oft anhören, nicht politisch zu sein und zu denken. Erleben Sie das auch so?

Knorr-Köning: Es ist sehr Nerven aufreibend. Alle wollen, dass sich was ändert, sie können sich nicht vorstellen, dass sie Teil der Veränderung sein können. Ich erinnere mich in der Ausbildung an Momente, da hieß es, das haben wir schon immer so gemacht. Das Verhalten ist symptomatisch für das eigene Selbstverständnis. Das muss sich aber ändern, damit sich etwas bewegt in der Pflege. Ich möchte Teil des Wandels sein, ich möchte Mut machen und die Pflegenden beim politischen Diskurs unterstützen. Dazu gehört zum Beispiel die Diskussion, welche Rolle wir in der Verzahnung von ambulanten und stationären spielen wollen und welche gesetzlichen und strukturellen Rahmenbedingungen wir brauchen, um zum Beispiel Community Health Nursing flächendeckend umzusetzen.

Vielen Pflegenden fehlt einfach der Mut, aufzustehen oder sie sind aus der Erfahrung heraus zu der Überzeugung gekommen, dass sich ohnehin nichts ändert und versuchen es deshalb gar nicht (mehr). Wie überzeugen Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen vom Gegenteil?

Knorr-Köning: Ich glaube, dass es Leute im Pflegeteam braucht, die immer wieder politisieren. Sie müssen klar machen, dass die Würfel nicht gefallen sind und dass sich auch etwas verändern lässt. Es muss klar werden, dass hinter allem eine politische Entscheidung steht und dass man Einfluss nehmen kann. Politische Entscheidungen brauchen ihre Zeit, nichts ändert sich mit einem Fingerschnipsen. Durch Lobbyarbeit kann man sich in politische Prozesse einmischen, man kann sich informieren, diskutieren und so letztlich auch Einfluss nehmen.

 
Wie kann jeder selber Politik mitgestalten ohne gleich in die große Politik zu gehen?

Knorr-Köning: Es ist schon viel gewonnen, wenn man Mitglied in einem Berufsverband oder einer Gewerkschaft ist. Wenn man sich mehr engagieren möchte, könnte man sich in ein Gremium, zum Beispiel in das Delegiertenamt wählen lassen. Ich bin zum Beispiel Mitglied im DBfK geworden, weil ich die Zeitschrift so klasse finde. Sie ist fachlich sehr gut. Vielleicht kann es auch eine Strategie sein, das Heft oder einzelne Artikel auf Station auszulegen, damit sich die Pflegenden informieren können und dann beginnen, einen politischen Diskurs anzustoßen.

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