Seit 2022 gibt es an der Universität Bonn den bundesweit ersten berufsbegleitenden, interprofessionellen Masterstudiengang Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS). Er wird in Kooperation mit den Universitäten Heidelberg und Tübingen angeboten. Ziel ist, die Kompetenzen rund um die sichere Arzneimitteltherapie zu stärken und zugleich die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen zu fördern.
Der Studiengang, der auch Zertifikatskurse beinhaltet, richtet sich nicht nur an Ärzt:innen und Apotheker:innen, sondern auch explizit auch an Pflegefachpersonen und andere mit der Arzneimitteltherapie beschäftigte Gesundheitsfachberufe. Über dieses besondere Studienangebot und seine Entwicklung haben wir mit Prof. Dr. Cornelia Mahler, Direktorin der Abteilung Pflegewissenschaft am Institut für Gesundheitswissenschaften Tübingen-Esslingen und Standortleiterin des Studiengangs an der Universität Tübingen, sowie Studiengangskoordinator Christoph Stephan gesprochen. Danach berichtet Student Nico Themann von seinen Erfahrungen im Studium.
Den Studiengang gibt es nun seit fast vier Jahren. Wie hat er sich in dieser Zeit inhaltlich entwickelt und wie ist die Nachfrage?
Cornelia Mahler: Der Studiengang ist im Oktober 2022 gestartet; im Oktober 2026 beginnt bereits die fünfte Kohorte. In dieser Zeit haben wir alle sieben Pflichtmodule und sechs Wahlpflichtmodule mehrfach angeboten. Das heißt, wir konnten Inhalte und Formate anhand der kontinuierlichen Evaluation immer wieder nachschärfen und an die Bedarfe der Studierenden anpassen. Im Sommersemester 2026 kommt noch ein siebtes Wahlpflichtmodul hinzu, so dass wir inhaltlich noch breiter aufgestellt sind.

Die Nachfrage ist insgesamt erfreulich stabil, auch wenn wir durchaus noch Luft nach oben sehen. Der Großteil unserer Studierenden kommt aus dem pharmazeutischen Bereich, insbesondere aus öffentlichen Apotheken oder als Stationsapotheker:innen arbeitend. Darüber hinaus belegen aber auch Pflegefachpersonen aus der Praxis und aus Pflegeschulen, Ärzt:innen sowie Pharmazeutisch-technische Assistent:innen (PTA) Module im Studiengang. Gerade im Bereich Pflege und Medizin würden wir uns noch mehr Teilnehmer:innen wünschen. Es spielt sicher eine Rolle, dass AMTS dort noch nicht so selbstverständlich im Fokus steht wie in der Pharmazie und dass die Rahmenbedingungen, etwa Praxisöffnungszeiten in Hausarztpraxen, eine berufsbegleitende Weiterbildung erschweren können. Insbesondere die Integration von Zertifikatskursen macht das Angebot interessant für Personen, die nicht gleich einen ganzen Studiengang belegen wollen, sondern in das Thema erstmal hineinschnuppern möchten.

Welche Voraussetzungen brauchen Pflegefachpersonen, um den Studiengang bzw. einen Zertifikatskurs absolvieren zu können?
Christoph Stephan: Pflegefachpersonen benötigen für die Immatrikulation in den Masterstudiengang einen grundständigen Hochschulabschluss, also in der Regel einen Bachelorabschluss in Pflege oder einem verwandten gesundheitswissenschaftlichen Studiengang. Wir merken hier sehr deutlich, dass die Akademisierungsquote in der Pflege immer noch nicht so hoch ist, wie es für solche weiterführenden Studienangebote hilfreich wäre. Viele sehr erfahrene Pflegefachpersonen erfüllen die formale Zugangsvoraussetzung leider noch nicht. Für diese Kolleg:innen gibt es aber die Möglichkeit, Module im Rahmen von Zertifikatskursen zu belegen. Dafür reicht der berufliche Abschluss. So können sie zentrale Inhalte der Arzneimitteltherapiesicherheit erwerben und in ihre Praxis integrieren, auch wenn ein Masterabschluss (noch) nicht in Frage kommt.
Der Medikationsprozess gilt als besonders komplex und fehleranfällig. Welche Kompetenzen vermittelt der AMTS-Studiengang, um Pflegefachpersonen darauf vorzubereiten, Medikationsfehler systematisch zu erkennen und zu vermeiden?
Christoph Stephan: Wir vermitteln ein
breites Kompetenzspektrum, das sowohl fachliche als auch methodische und kommunikative
Aspekte umfasst. Dazu gehören zum einen Grundlagen aktueller Therapien und
Leitlinien, zum anderen fundierte Kenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens
und Forschens im Bereich AMTS. Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf
einem tiefen Verständnis der Begrifflichkeiten, Aufgaben- und
Verantwortungsbereiche im Gesundheitswesen, insbesondere an den Schnittstellen,
an denen erfahrungsgemäß viele Fehler entstehen. Pflegefachpersonen lernen, den
gesamten Medikationsprozess strukturiert zu analysieren, Risiken zu
identifizieren und systematisch zu adressieren. Daneben thematisieren wir
Patient:innenenzentrierung in der AMTS sehr ausführlich, etwa welche kulturellen und
sozialen Faktoren Risiken darstellen oder besondere Aufmerksamkeit erfordern.
Kommunikation nimmt einen großen Raum ein, sowohl in der Interaktion mit
Patient:innen als auch in der interprofessionellen Zusammenarbeit. Zentral ist außerdem die Vermittlung
konkreter Maßnahmen zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit und von
Strategien, wie diese Maßnahmen nachhaltig in Einrichtungen implementiert
werden können. Es geht also nicht nur darum, Fehler zu erkennen, sondern darum,
auf organisationaler Ebene Strukturen zu schaffen, die Medikationsfehler
systematisch vermeiden helfen.
Der Studiengang richtet sich bewusst an verschiedene Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Welche Rolle spielt die interprofessionelle Zusammenarbeit im Studium und welche Erfahrungen haben Sie damit in den bisherigen Jahrgängen gemacht?
Cornelia Mahler: Die interprofessionelle Zusammenarbeit ist ein Kernstück des Studiengangs, didaktisch ebenso wie inhaltlich. In den Modulen lernen Pflegefachpersonen, Apotheker:innen, Ärzt:innen, PTAs und andere Gesundheitsberufe gemeinsam; sie bringen ihre unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen ein und profitieren voneinander. Auch unser Dozierendenteam ist sehr interprofessionell zusammengesetzt: Rund die Hälfte kommt aus Universitäten und Forschung, die andere Hälfte arbeitet in der Praxis. Neben Pflegefachpersonen, Ärzt:innen und Apotheker:innen lehren bei uns Kommunikationsexpert:innen, Psycholog:innen und weitere Fachpersonen. Die Rückmeldungen aus den bisherigen Jahrgängen sind durchweg positiv: Die Studierenden erleben es als große Bereicherung, den Medikationsprozess gemeinsam zu diskutieren, typische Missverständnisse zwischen Berufsgruppen anzusprechen und im geschützten Rahmen neue Formen der Zusammenarbeit zu erproben. Das fördert ein gemeinsames Verständnis von Verantwortung in der AMTS und genau das brauchen wir später auch in der Versorgungspraxis.
Welche Möglichkeiten bietet der Studiengang Pflegefachpersonen in der Praxis, vor allem bezogen auf Karriereoptionen und natürlich den Verdienst?
Cornelia Mahler: Zum einen eröffnet der Masterabschluss grundsätzlich Zugänge zu Positionen in Forschung und Lehre, etwa an Hochschulen oder in Projekten zur Versorgungsforschung. Für Pflegefachpersonen ist aber vor allem der Karriereweg innerhalb von Einrichtungen des Gesundheitswesens interessant. Ein wichtiges Ziel des Studiengangs ist es, Absolvent:innen auf zentrale Rollen in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen vorzubereiten, die die Prozesse rund um den Medikationsprozess gestalten und sicherer machen – etwa auf Funktionen, die im aktuellen sechsten Aktionsplan AMTS als „AMTS-Steward“ beschrieben werden. Dieser Aktionsplan wurde Anfang April verabschiedet und zielt darauf ab, das Rollenbild zu schärfen, um zukünftig solche Stellen in größeren Einrichtungen zu etablieren. Damit sind in der Regel Positionen verbunden, für die ein Masterabschluss vorausgesetzt wird und die entsprechend höher eingruppiert sind, zum Beispiel im Tarifvertrag der Länder in Entgeltgruppe 13. Für Pflegefachpersonen bedeutet das perspektivisch sowohl erweiterte Verantwortungsbereiche als auch bessere Verdienstmöglichkeiten.
Ziel des Studiengangs ist es, Absolvent:innen als „AMTS-Multiplikator:innen“ in die Praxis zu bringen. Gibt es bereits Beispiele oder Erfahrungen, wie Absolvent:innen Veränderungen in ihren Einrichtungen angestoßen haben?
Christoph Stephan: Ja, das sehen wir inzwischen sehr klar und zwar gerade an den Themen der Masterarbeiten. Viele Arbeiten greifen ganz konkrete Herausforderungen aus der Versorgungspraxis auf und entwickeln darauf aufbauend Modelle, Konzepte oder Verbesserungsvorschläge, die unmittelbar in Einrichtungen zurückgespiegelt werden können. Ein Beispiel setzt direkt an neuen Versorgungsformen an, etwa an der erweiterten Medikationsberatung in Pflegeeinrichtungen. In einer Fragebogenstudie wurden dort Barrieren und Förderfaktoren aus Sicht von Pflegefachpersonen, Bewohner:innen, Angehörigen, Ärzt:innen und Apotheker:innen systematisch erfasst. Die Ergebnisse zeigen sehr klar, wo es im Alltag hakt: etwa bei Zeit- und Personalmangel, bei der Bekanntheit der Dienstleistung oder bei der Motivation, Angebote tatsächlich in Anspruch zu nehmen und ebenso, welche förderlichen Faktoren (z. B. gute Beziehungen zwischen den Berufsgruppen) gezielt gestärkt werden müssen. Solche Ergebnisse können direkt in lokale Konzepte zur Implementierung der Dienstleistung einfließen.
Sehr eindrücklich sind auch Arbeiten, die Schnittstellen beleuchten, zum Beispiel den Übergang von der ambulanten in die stationäre Versorgung in der Notfallmedizin. Hier wurde anhand von Routinedaten und einer detaillierten Medikationsanalyse gezeigt, wie häufig unvollständige oder veraltete Medikationspläne, fehlende Dosisanpassungen (z. B. bei eingeschränkter Nierenfunktion) und andere arzneimittelbezogene Probleme sind und wie Instrumente wie individuelles Pharmakotherapie-Management und Risikoscores (z. B. MERIS) helfen können, Prioritäten zu setzen. Damit liefern die Arbeiten eine sehr konkrete Grundlage, um in Kliniken Prozesse zur Medikationsaufnahme und -dokumentation zu verbessern. Diese Beispiele zeigen: Unsere Studierenden und Absolvent:innen arbeiten nicht im ,luftleeren Raum‘, sondern an sehr konkreten AMTS-Problemen ihrer Praxis. Sie bringen wissenschaftliche Methoden ein, um Risiken sichtbar zu machen und Verbesserungspotenziale zu benennen und wirken damit genau als ,AMTS-Multiplikator:innen‘, die Strukturen, Prozesse und Haltungen in ihren Einrichtungen Schritt für Schritt verändern können.
Was ist ihr beruflicher Hintergrund und warum haben Sie sich für den AMTS-Studiengang entschieden?
Ich bin examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger und habe im Anschluss einen Bachelor of Science in Biologie absolviert. Beim Thema meiner Bachelorarbeit habe ich mich durch persönliches Interesse bereits pharmazeutisch ausgerichtet. Ich denke, man muss sich in diesem Zusammenhang bewusst machen – und das ist auch meine intrinsische Motivation –, dass Pflegefachpersonen einen zentralen Beitrag zur Arzneimitteltherapiesicherheit leisten. Sie begleiten eng den gesamten Medikationsprozess und können als letzte Instanz vor der Applikation potenzielle Fehler erkennen.

Gerade durch
den engen Patient:innenkontakt sind wir entscheidend für das frühzeitige
Erkennen von Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und individuellen Besonderheiten
in der Therapie und tragen durch Beobachtung, Dokumentation und interprofessionelle
Kommunikation zur Optimierung und Sicherheit der medikamentösen Therapie bei.
Nach Abschluss des Bachelors habe ich mich im Pius-Hospital Oldenburg beworben.
Die Klinik hatte bereits eine bestehendes AMTS-Team, das weiter ausgebaut
werden sollte. Die Zukunftsvision ist es, eine im Bereich AMTS professionell
ausgebildete Fachperson in der Klinik zu haben, die nicht nur das Wissen,
sondern auch die (Zeit)Ressource besitzt, sich durchgehend um die
Arzneimitteltherapiesicherheit in der Klinik zu kümmern. Da ich zuvor mein Interesse bekundet habe, weitere Aufgaben
in der Klinik zu übernehmen, schlug man mir den Weiterbildungsmaster in
Arzneimitteltherapiesicherheit vor. Der Studiengang hat mich sofort überzeugt
und ich habe sogar die Möglichkeit eines Stipendiums zur Förderung über die
Stiftung der Apothekerkammer Nordrhein bekommen. Durch die Bereitschaft meines
Arbeitgebers, mich dabei zu unterstützen und durch die Möglichkeit, während des
Studiums bereits im Bereich AMTS in der Klinik zu arbeiten, eröffnete sich für
mich eine direkte praxisnahe Perspektive für einen neuen und spannenden
beruflichen Weg.
Wie lässt sich der Studiengang mit Arbeit und Privatleben vereinbaren?
Je nachdem, wie viel man arbeitet, ist das natürlich ganz
individuell. Ich besetze drei Stellen/Positionen in der Klinik und arbeite 80
Prozent. Mit diesem Anteil ist es natürlich viel, Arbeit und Studium bzw. die
Deadlines, die in den Modulen anfallen, miteinander zu vereinbaren. Dessen muss
man sich bewusst sein, auch, dass man häufig Zeit an den Wochenenden oder an
freien Tagen investieren muss. Dadurch, dass die meisten Inhalte aber asynchron
verlaufen, lässt sich das Arbeitspensum in den meisten Fällen ganz gut
jonglieren und man kann sich seine Arbeitszeit für die Inhalte größtenteils
selbst einteilen. Die Termine für die Online-Synchronveranstaltungen und
Präsenzwochenenden in Bonn, Tübingen oder Heidelberg bekommen wir in der Regel rechtzeitig
genug, um diese mit dem Arbeitgeber abzusprechen und dementsprechend zu planen.
Ich werde dann z. B. für diese freigestellt, wenn sie auf meine
Wochenarbeitszeit fallen.
Was schätzen Sie inhaltlich als besonders wertvoll für sich ein?
Das Studium bietet mir einen inhaltlich sehr wertvollen
Austausch, einerseits durch den Kontakt mit Kommiliton:innen und Dozent:innen,
anderseits durch Module, in denen Praktika auch in anderen AMTS-bezogenen Bereichen und Berufen absolviert
werden können. So kann man über den eigenen Tellerrand schauen und einen
Einblick in verschiedene Disziplinen bekommen, die das eigene AMTS-Verständnis
nachhaltig steigern. Damit eröffnen sich neue Blickwinkel und dementsprechend
auch Lösungsmöglichkeiten.
Die pflegerische
Expertise lässt sich hier besonders gewinnbringend einsetzen. Weil
Pflegefachpersonen über eine hohe Kompetenz in der klinischen Beobachtung, im
Nebenwirkungsmonitoring und in der praktischen Umsetzung von
Medikationsprozessen verfügen, sehe ich hierin einen maßgebenden Gewinn. Vor
allem diese Perspektive auf die AMTS – ich nenne es mal den ,pflegerischen Blickwinkel‘
– ergänzt die theoretischen und interdisziplinären Inhalte des Studiums, indem
sie patient:innennahe Risiken frühzeitig identifiziert und in konkrete
Sicherheitsmaßnahmen übersetzt. So entsteht eine wertvolle Verbindung zwischen
wissenschaftlichem AMTS-Verständnis und der realen Versorgungspraxis. Der
Austausch findet stets auf Augenhöhe statt und bezieht verschiedene
Berufsgruppen wie Pflegefachpersonen, Ärzt:innen, Apotheker:innen,
Jurist:innen, Patient:innenvertreter:innen, uvm. ein. Auch die Studieninhalte
sind sehr vielseitig aus Bereichen wie Pharmakologie, Medikationsmanagement,
Kommunikation, Patient:innensicherheit, Qualitäts- und Risikomanagement oder
Statistik/Wissenschaftlicher Methodik, um nur einige zu nennen.
Welche berufliche Perspektive sehen Sie für sich nach Abschluss des Studiengangs?
Da ich bereits AMTS-Koordinator der Klinik und akademisierte Pflegefachperson für Praxisentwicklung bin, immer mehr Expertise in dieser Disziplin gewinne und das Gelernte direkt praxisnah anwenden kann, sehe ich mich in Zukunft weiterhin im Kliniksetting, zuständig für die Arbeit und Projektarbeit im Bereich AMTS. Ich arbeite zwar bereits an einem Universitätsklinikum, könnte mir aber gut vorstellen, in Zukunft noch weitere Erfahrung in anderen Kliniken an anderen Standorten zu sammeln und hier mein erlerntes Wissen auf dem Gebiet einfließen zu lassen. Ich habe mit dieser Ausbildung die Möglichkeit, wirklich etwas zum Wohl der Patient:innen und für ihre Sicherheit zu schaffen.
Die nächsten Online-Infoabende zum Studiengang:
Montag, 11.05.2026, 19 Uhr
Dienstag, 30.06.2026, 19 Uhr