Der verstärkte Einsatz akademisierter Fachkräfte in interdisziplinären Teams der Gesundheitsversorgung gilt national wie international als Schlüssel zu höherer Patient:innensicherheit und Pflegequalität. Aber woher kommen die akademisierten Fachkräfte? In Deutschland gibt es einen dringenden Bedarf, Pflegefachpersonen akademisch weiterzubilden und zu qualifizieren.
Regelhaft ist es in Deutschland erst seit 2020 möglich, ein primärqualifizierendes pflegerisches Hochschulstudium zu absolvieren, die Akademisierungsquote liegt aktuell insgesamt statt der vom Wissenschaftsrat geforderten empfohlenen 20 Prozent bei unter ein Prozent. Der Bedarf in Kliniken ist hoch – sowohl an Evidenz in der Pflege als auch, aufbauend darauf, an spezialisierten Weiterbildungen.
Ein zentraler Baustein, um sowohl Fachkräftemangel als auch niedrigen Akademisierungsquoten zu begegnen, ist die gezielte Anwerbung internationaler Pflegefachkräfte – sogenannten CALD-Nurses (culturally and linguistically diverse nurses). Viele von ihnen verfügen bereits über ein abgeschlossenes Pflegestudium und bringen damit ein hohes fachliches und wissenschaftliches Niveau mit. Bevor sie in Deutschland tätig werden dürfen, müssen sie ein Anerkennungsverfahren durchlaufen. Dieses ist föderal gesteuert und wird in Hessen vom Hessischen Landesamt für Gesundheit und Pflege (HLfGP) verantwortet.
Bislang fokussiert dieses Verfahren den Erwerb der Berufszulassung; bestehende akademische Vorqualifikationen werden daher nicht systematisch für die hiesige Gesundheitsversorgung nutzbar gemacht. Anpassungslehrgänge und Kenntnisprüfungen finden überwiegend an Pflegefachschulen statt. Diese Verortung stellt für viele CALD-Nurses einen Bruch in ihrer Bildungsbiografie dar.
Mit dem Projekt „Innovative Pflegequalifizierung: Anpassungsweiterbildung mit Hochschulzertifikat“ (IPQ) eröffnet die Akademie für Weiterbildung und Personalentwicklung der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) internationalen Pflegefachkräften nun einen neuen Zugang zur Berufsanerkennung. Der Lehrgang wurde entwickelt von den Projektreferentinnen Jule Roßmeißl und Melanie Slavici gemeinsam mit Oda Vogel (Projektleitung) und Prof. Dr. Klaus Müller (fachliche Projektleitung). Er verzahnt theoretische Lehre, praktische Einsätze in Pflegeeinrichtungen und berufsspezifische Sprachförderung bis zum Sprachniveau B2.
Damit werden Kompetenzen für eine pflegefachliche Versorgung und Sprachfähigkeit gleichermaßen gestärkt und mobilisiert. Zugleich erwerben die Teilnehmenden ein Hochschulzertifikat mit 30 ECTS-Punkten, das auf weiterbildende Masterstudiengänge anrechenbar ist. Die Hochschulische Verortung schließt eine zentrale Lücke im bisherigen Anerkennungssystem. Sie schafft Raum, akademische Vorbildung wertschätzend und passgenau in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Start des Pilotdurchgangs ist im April 2026.
Wir haben den fachlichen Projektleiter der Frankfurt University of Applied Sciences, Prof. Dr. Klaus Müller, dazu interviewt.
Herr Prof. Dr. Müller, als über das Projekt berichtet wurde, dachten viele, es ist höchste Zeit, dass sich eine Hochschule der Thematik annimmt. Wie kam es zu dem Entschluss, das Projekt ins Leben zu rufen?
Community-Health-Nursing, Advanced-Practice-Nursing, Disaster-Nursing: In Deutschland orientieren wir uns in der Weiterentwicklung der Pflegeprofession und der Beschreibung des Scope of Practice stark am außerdeutschen Kontext. Gleichzeitig zeigen wir bisher wenig Interesse an den akademischen Kompetenzen der angeworbenen CALD-Nurses.

Deshalb haben wir einen
hochschulischen Anpassungslehrgang entwickelt, der an den Bildungs- und
Qualifikationsbiografien der Pflegefachpersonen aus dem Ausland
anknüpft. Sie erwerben neben hochintegrierter Sprachförderung nicht nur die berufliche Anerkennung, sondern auch ein Diploma of Advanced Studies, das ihnen weitere Möglichkeiten zur Weiterbildung und Mitwirkung an der Weiterentwicklung unserer Profession eröffnet.
Wie ist das Projekt aufgebaut und wie läuft das Anerkennungsverfahren ab?
Zunächst zum Ablauf des Verfahrens: Das Hessische Landesamt für Gesundheit und Pflege (HLfGP) steuert alle Prozesse um die Antragsstellung und spätere Berufsanerkennung. Prinzipiell läuft der Zugang zu unserem hochschulischen Anpassungslehrgang ähnlich wie bei allen Pflegeschulen bzw. Kliniken, die Anpassungslehrgänge anbieten ab. Zugangsvoraussetzungen sind ein gültiger Feststellungsbescheid des HLfGP mit Verweis auf Vorqualifikationen, ein Sprachzertifikat - mindestens B1 - und ein Arbeitsvertrag mit einer Praxiseinrichtung in Hessen.
Teil 1 des Lehrgangs orientiert sich an den Kernmodulen des Hessischen Rahmencurriculums für Anpassungslehrgänge: Diese haben wir inhaltlich angereichert und vertieft, sodass die Teilnehmenden Kompetenzen auf Niveau 6 oder 7 des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) erwerben. Zusammen mit der im Feststellungsbescheid festgelegten Praxiszeit, die beim jeweiligen Arbeitgeber im entsprechenden Versorgungssetting abgeleistet wird, bilden diese beiden Bestandteile den Grundstein für das erfolgreiche Abschlussgespräch und damit die Berufsanerkennung als Pflegefachperson.
Durch die bei uns vorgesehene begleitete und reflexive Praxisphase, schafft die Innovative Pflegequalifizierung (IPQ) in Teil 2 gezielt Räume für Theorie-Praxis-Transfer und dafür, komplexe pflegerische Situationen evidenzbasiert zu analysieren, zu gestalten und kritisch zu reflektieren. Während der Praxiszeit nehmen die Teilnehmenden an regelmäßigen Reflexionsveranstaltungen an der Hochschule teil. Diese fördern rekursive Denkprozesse, indem Teilnehmende bewusst auf vorhandenes Wissen aus ihren Herkunftsländern zurückgreifen, dieses reflektieren und in Deutschland in neuen Situationen anwenden. Als Abschlussarbeit reichen die Teilnehmenden dann ein Portfolio aus den Prüfungsleistungen ein, rahmen Ihre Lernerfahrung in einer Reflexion und erwerben so ein Diploma of Advanced Studies mit 30 ECTS-Punkten, das auf spätere weiterbildende Studiengänge anerkannt werden kann.

Woher kommen die Teilnehmenden und wie werden sie auf das Angebot aufmerksam?
IPQ richtet sich an CALD-Nurses im Anerkennungsverfahren mit meist akademischem Abschluss aus dem jeweiligen Herkunftsland. Besonders spannend ist, dass wir in Hessen auch beruflich qualifizierten Personen bei erforderlicher Eignung den Zugang zu hochschulischen Weiterbildungen ermöglichen können. So können neben akademisch qualifizierten CALD-Nurses auch beruflich qualifizierte Pflegefachpersonen am Anpassungslehrgang teilnehmen. Dies fördert die zwingend notwendige Durchlässigkeit zwischen akademischer und beruflicher Bildung. Die Rekrutierung möglicher Teilnehmender erfolgt sowohl über die Kooperationseinrichtungen der Frankfurt UAS als auch über die pro-aktive Ansprache von regionalen Kliniken und Einrichtungen der ambulanten und stationären Langzeitpflege. Wir haben außerdem relevante Netzwerke und Beratungseinrichtungen über unser Angebot informiert und es auf deren Kanälen geteilt. Insbesondere der Austausch mit den sehr engagierten Integrationsbeauftragten aus verschiedenen Klinken hat uns für die Bedarfe der CALD-Nurses sensibilisiert und uns auch direkte Kontakt zur Zielgruppe verschafft. Wir befinden uns aktuell im Anmeldeprozess und haben bereits über zehn Teilnahmezusagen für den Start im April 2026.

Wie sieht es mit der Finanzierung aus?
Unser Pilotprojekt wird bis April 2028 vom Europäischen Sozialfond
und aus Mitteln des Landes Hessens kofinanziert. Dank dieser Mittel
können wir den Pilotlehrgang samt Sprachkurs dieses Jahr kostenlos
anbieten. Im Rahmen dieser Förderperiode streben wir zudem eine
AZAV-Zertifizierung (Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung
Arbeitsförderung) an. Ab 2027 soll die IPQ, gefördert durch
Bildungsgutscheine von der Arbeitsagentur, in unseren Regelbetrieb
übergehen. Dies ermöglicht einer noch breiteren Zielgruppe den Zugang zu
hochschulischer Weiterbildung und gelingender Integration in den
Arbeitsmarkt.
Verfolgen Sie mit dem Projekt noch weitere Ziele bzgl. der Weiterentwicklung der Pflegeprofession?
Selbstverständlich! Wir verstehen die IPQ als Blaupause für die
akademische Weiterbildung in der Pflege. Langfristig liefert IPQ
Best-Practice-Beispiele für wertschätzende Anerkennungspraxis und
evidenzbasierte Pflege. Durch die Nutzbarmachung der akademischen
Kompetenzen der CALD-Nurses werden Impulse für Professionalisierung,
Qualitätsentwicklung und die Verbreitung evidenzbasierter Pflegepraxis
gesetzt. Wir hoffen nach der Evaluation festzustellen, dass sich auch
die Praxiseinrichtungen weiterentwickeln konnten. Durch die gezielte
Sichtbarmachung der vorhandenen Kompetenzen und die Sensibilisierung
hinsichtlich struktureller Hürden für CALD-Nurses (z. B. durch
integrierte Workshops für Praxisanleitende), sollen sich die
Arbeitsbedingungen in der Pflege für alle Beteiligten langfristig
verbessern.
Welchen Appell richten Sie an die Politik?
Wertschätzung für im Ausland erworbene Kompetenzen! Die IPQ reagiert auch darauf, dass CALD-Nurses in Deutschland trotz starker Initiativen für gelingende Integration oft noch immer mangelnde Wertschätzung begegnet. Die meist hochqualifizierten Kolleg:innen aus dem Ausland können so viel mehr als kurzfristig für den deutschen Fachkräftemangel einzuspringen. Ziel sollte es sein, den migrierten Fachkräften durch passgenaue Anpassungsqualifizierungen und (akademische) Weiterbildungen, zukunftsfähige Karriere- und Teilhabeperspektiven innerhalb der Pflegeprofession zu eröffnen. Für ein sicheres Versorgungssystem braucht es systematische Entwicklungspfade, die anschlussfähig sind für all die Personen, die aufgrund unterschiedlichster Bildungswege als Pflegefachpersonen im deutschen Gesundheitssystem arbeiten. Hier ist die Politik gefragt, Ressourcen für die Stärkung von Vorhaben zur Professionalisierung wie z. B. der akademischen (Weiter)Bildung bereitzustellen.
Wir bedanken uns herzlich für das Interview.