Wie kann eine zukunftsfähige Primärversorgung in Deutschland aussehen? Welche Rolle können Community Health Nurses dabei übernehmen? Und was lässt sich von Ländern lernen, die erweiterte pflegerische Rollen bereits fest in ihre Versorgungssysteme integriert haben? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Internationalen Fachtagung Community Health Nursing unter dem Titel „Primärversorgung stärken – Impulse für ein modernes Gesundheitssystem“, die am 7. Juli 2026 in Berlin und per Livestream stattfand. Insgesamt waren 544 Personen für die Veranstaltung angemeldet.
Die große Resonanz zeigte: Das Thema trifft einen Nerv. Denn das deutsche Gesundheitswesen steht vor tiefgreifenden Herausforderungen. Die Zahl chronisch erkrankter Menschen steigt, Pflegefachpersonen fehlen, die Pflegebedürftigkeit nimmt weiter zu und insbesondere in ländlichen Regionen droht eine medizinische und pflegerische Unterversorgung. Genau deshalb braucht es neue, nachhaltige und passgenaue Versorgungslösungen.
Community Health Nursing bietet dafür eine überzeugende Perspektive. Seit 2017 setzt sich die Agnes-Karll-Gesellschaft im DBfK mit Unterstützung der Bosch Health Campus GmbH für die Etablierung von Community Health Nurses in Deutschland ein. Ziel ist es, Primärversorgung nicht nur anders zu organisieren, sondern stärker an den Lebenswelten der Menschen auszurichten.

Mut zum Wandel
Bereits die Eröffnung machte deutlich: Das Gesundheitssystem steht vor einem Wandel, der aktiv gestaltet werden muss. DBfK-Präsidentin Vera Lux betonte, dass Community Health Nursing ein Versorgungskonzept ist, das diesen Wandel mitprägen kann. Primärversorgung sei entscheidend für ein gesundes und gutes Leben. Dafür brauche es den Blick über Grenzen hinweg, den Willen, voneinander zu lernen, und den Mut, neue Wege nicht irgendwann, sondern jetzt zu gehen.
Auch Dr. Katja Vonhoff, Leiterin des Robert Bosch Centrums für Innovationen im Gesundheitswesen am Bosch Health Campus, richtete den Blick auf die größere Chance hinter der aktuellen Debatte. Zu häufig werde über Kosteneinsparungen gesprochen, so der Impuls aus ihren Ausführungen, während die eigentliche Chance darin liege, Gesundheitsversorgung neu zu gestalten. Der Fokus müsse sich stärker von Krankheit hin zu Gesundheit, Prävention und mehr gesunden Lebensjahren verschieben. Entscheidend sei dabei, nicht „für“, sondern „mit“ den Menschen zu gestalten, denn sie sind Expert:innen ihrer eigenen Lebenswelten.
Dieser Perspektivwechsel ist zentral. Er bedeutet,
Versorgung nicht erst dann beginnen zu lassen, wenn Krankheit eingetreten ist.
Er bedeutet, Menschen frühzeitig zu begleiten, Bedarfe wahrzunehmen, Risiken zu
erkennen und Gesundheit dort zu fördern, wo Menschen leben, arbeiten und ihren
Alltag gestalten.
Primärversorgung ist mehr als eine Konsultation
In ihrer inspirierenden Keynote machte Prof. Dr. Katharina Janus deutlich, dass eine moderne Primärversorgung mehr sein muss als ein einzelner Arztkontakt oder eine punktuelle Konsultation. Sie muss die unterschiedlichen Bedarfe von Menschen in ihrer Gesamtheit erfassen und beziehungsbasiert arbeiten. Nicht allein Leitlinien entscheiden, sondern auch die Frage, was eine gesundheitliche Situation für den einzelnen Menschen und sein Leben bedeutet.
Dafür braucht es Professionalität, Koordination und Kommunikation. Pflegefachliche Führung in der Primärversorgung wurde dabei als Systemnotwendigkeit beschrieben. Allerdings reicht es nicht, neue Rollen nur rhetorisch zu begrüßen. Pflegefachpersonen müssen diese Rollen auch ausfüllen dürfen. Das System muss so gestaltet werden, dass ihre Kompetenzen tatsächlich wirksam werden können.
Gerade darin liegt die Stärke von Community Health Nursing: Es verbindet pflegerische Expertise, Public-Health-Perspektive, Gesundheitsförderung, Prävention, Beratung, Koordination und Versorgung. Community Health Nurses können Brücken bauen zwischen Menschen, Familien, Kommunen, Arztpraxen, Kliniken und weiteren Gesundheits- und Sozialdiensten.

Aus internationalen Erfahrungen lernen
Ein besonderer Wert der Tagung lag in ihrem internationalen Charakter. Expert:innen aus Australien, Großbritannien, Estland und Spanien gaben Einblicke in Versorgungssysteme, in denen erweiterte pflegerische Rollen bereits etabliert sind oder sich dynamisch weiterentwickeln.
Stuart Willder, Nurse Practitioner aus Australien, zeigte, dass auch andere Gesundheitssysteme mit Fachkräftemangel und steigenden Versorgungsbedarfen konfrontiert sind. Zugleich machte sein Beitrag deutlich, dass erweiterte pflegerische Rollen einen wichtigen Beitrag leisten können. In Australien wurde die Rolle der Nurse Practitioner konzeptionell bereits 1990 entwickelt, seit 2010 ist die Berufsbezeichnung gesetzlich geschützt. Nurse Practitioner verfügen dort über weitreichende Befugnisse, etwa bei der Verordnung von Medikamenten oder der Anordnung von Diagnostik. Sie arbeiten in der ambulanten und klinischen Versorgung, verbinden medizinische und pflegerische Tätigkeiten und leisten wichtige Beiträge zur Prävention, zum Management chronischer Erkrankungen und zur Vermeidung von Krankenhausaufenthalten. Sektorengrenzen sind in Australien nicht vorhanden.
Auch aus Großbritannien kamen wichtige Impulse. Steph Lawrence, Chief Executive des Queen’s Institute of Community Nursing, stellte verschiedene Rollen des Community Nursing vor, darunter District Nursing, General Practice Nursing sowie spezialisierte Rollen in der Versorgung von Kindern oder Menschen mit psychischen Erkrankungen. Diese Rollen übernehmen dort zentrale Aufgaben in Prävention, Früherkennung, Versorgung chronischer Erkrankungen und der Vermeidung unnötiger Krankenhausaufenthalte. Spezialisierte Qualifizierungen, die das Institut anbietet, bereiten Pflegefachpersonen auf eine autonome Berufsausübung in definierten Bereichen vor.
Gerli Liivet aus Estland zeigte, wie sehr digitale Infrastruktur und akademisierte Pflege neue Möglichkeiten eröffnen können. In Estland gibt es eine digitale Patientenakte und ein nationales Buchungssystem für Termine im medizinischen Bereich. Die Pflege ist vollständig akademisiert. Advanced Practice Nursing ist auf Masterniveau angesiedelt und umfasst Spezialisierungen etwa in mentaler Gesundheit, öffentlicher Gesundheit, Intensivmedizin und klinischer Pflege. Advanced Practice Nurses verfügen über zusätzliche Befugnisse, beispielsweise in der Behandlungskoordination und bei der Ausstellung von Rezepten.
Der Blick nach Spanien, vorgestellt im Tandem von Marta Pisà Gaiá und Martin Schunack, machte deutlich, wie multiprofessionelle Primärversorgung praktisch gelebt werden kann. Auf Mallorca – und ganz Spanien - wurde der Wandel von einem stärker arztzentrierten und reaktiven System hin zu einem multiprofessionellen Ansatz beschrieben, in dem Prävention, erweiterte pflegerische Rollen und die Versorgung chronisch kranker Menschen eine zentrale Rolle einnehmen. Martin Schunack stellte diese, aus seinem Praktikum auf Mallorca gewonnen Erfahrungen, den Herausforderungen im Landkreis Meißen gegenüber und skizzierte, wie Community Health Nursing eine Lösung sein kann.

Teamarbeit als Schlüssel
Die Podiumsdiskussion griff die Frage auf, wie die vorgestellten Modelle auf Deutschland übertragen werden können. Dabei wurde deutlich: Gute Versorgung gelingt nur gemeinsam. Pflege, Medizin, Kommunen, Kostenträger, Politik und weitere Akteur:innen müssen Versorgung als gemeinsame Aufgabe verstehen.
Ein wiederkehrendes Motiv war die Notwendigkeit guter Kommunikation zwischen Pflege und Ärzteschaft. Es braucht einen gemeinsamen Dialog mit dem Ziel, Primärversorgung zu verbessern und neue Rollen wie Community Health Nursing in die Regelversorgung zu bringen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Modellvorhaben allein nicht reichen. Benötigt werden verlässliche Rahmenbedingungen, einfache Finanzierungswege und Strukturen, die populationsbezogene Maßnahmen in Kommunen ermöglichen.
Prof. Dr. med. Henrik Herrmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, betonte in der Diskussion, dass gute Versorgung nur im Team möglich ist. Ärzt:innen sollten sich stärker auf komplexe Fälle konzentrieren können, während andere Aufgaben von entsprechend qualifizierten Berufsgruppen übernommen werden. Auf die Frage, ob die strikte sektorale Logik und die Vielzahl sozialrechtlicher Zuständigkeiten noch zeitgemäß sind, gab er ein klares Nein.
Lina Gürtler aus dem DBfK-Bundesvorstand hob hervor, dass es
auch einen kulturellen Wandel braucht. Versorgung müsse ganzheitlich gedacht
werden und dürfe sich nicht allein auf medizinische Leistungen verengen.
Bedarfe von Menschen seien mehr als Medizin. Die Übernahme erweiterter
heilkundlicher Tätigkeiten durch Pflegefachpersonen könnte Wege verkürzen,
Bürokratie reduzieren und Arbeitszeit sinnvoller einsetzen.
Politischer Ausblick: Advanced Practice Nursing auf dem Weg
Ein wichtiger Ausblick kam aus dem Bundesministerium für Gesundheit. Heike Hoffer kündigte an, dass der Referentenentwurf für ein APN-Gesetz noch in diesem Jahr vorgelegt werden soll. Die Vision ist, dass in fünf Jahren erste Advanced Practice Nurses nach diesem Gesetz qualifiziert sind und für die Versorgung zur Verfügung stehen. APNs sollen weitergehende und eigenverantwortliche Befugnisse für Leistungen erhalten, die bislang Ärzt:innen vorbehalten sind, und diese auch sozialrechtlich abrechnen können. Dafür sollen Ausnahmen vom Arztvorbehalt geschaffen werden.
Mit dem Vorhaben werden zentrale Ziele verbunden: die langfristige Begleitung chronisch kranker Menschen, die Stärkung der Prävention, die Sicherstellung medizinischer Versorgung und eine bessere Navigation im Gesundheitssystem. Zudem soll das Vorhaben evaluiert werden, um seine Auswirkungen nachvollziehen zu können.
Auch für die Primärversorgung wurde ein politischer Ausblick gegeben. Ein Referentenentwurf zur Primärversorgung soll im Sommer 2026 kommen. Ziel ist es, die ambulante Versorgung zu verbessern und stärker teambasierte Strukturen unter Einbindung der erforderlichen Gesundheitsberufe zu ermöglichen.
Diese Perspektive macht Mut. Sie zeigt, dass Community Health Nursing und Advanced Practice Nursing nicht nur fachliche Konzepte sind, sondern zunehmend auch politisch als Bausteine einer modernen Gesundheitsversorgung wahrgenommen werden.

Nicht morgen, sondern heute
Die Internationale Fachtagung Community Health Nursing hat eindrucksvoll gezeigt: Deutschland muss das Rad nicht neu erfinden, aber es muss es klug an die eigenen Bedingungen anpassen. Internationale Beispiele machen sichtbar, dass erweiterte pflegerische Rollen Versorgung verbessern, Zugänge erleichtern, Prävention stärken und chronisch kranke Menschen kontinuierlicher begleiten können.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass solche Entwicklungen Zeit brauchen. Rollen müssen aufgebaut, Qualifikationen gesichert, Verantwortlichkeiten geklärt und Finanzierungswege geschaffen werden. Doch die internationale Erfahrung zeigt auch: Anfangs gibt es Widerstände, aber mit klaren Konzepten, guter Zusammenarbeit und politischem Willen können neue Rollen selbstverständlich werden.
Der vielleicht wichtigste Impuls der Tagung lautet deshalb: Wir müssen anfangen. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Community Health Nursing als Spezialisierung des Advanced Practice Nursing eröffnet die Chance, Primärversorgung näher an den Menschen, stärker im Team und mutiger in Richtung Zukunft zu gestalten. Es ist ein Konzept, das nicht nur auf Defizite reagiert, sondern Vertrauen schafft, Gesundheit fördert und Versorgung neu verbindet.
Damit wird Community Health Nursing zu mehr als einer
fachlichen Innovation. Es ist ein positiver Entwurf für ein Gesundheitssystem,
das Menschen in ihren Lebenswelten ernst nimmt, professionelle Kompetenzen
besser nutzt und Versorgung gemeinsam gestaltet. Die Fachtagung hat dafür nicht
nur internationale Impulse geliefert, sondern auch Zuversicht: Veränderung ist
möglich, wenn sie gemeinsam gewollt und konsequent umgesetzt wird.
Wir danken dem Bosch Health Campus der Robert Bosch Stiftung für die Förderung der Veranstaltung.
Die Inhalte der Tagung werden im August 2026 auf der CHN-Webseite zur Verfügung stehen.