Unter dem Motto „Autonomy in Action – European Perspectives on Nurse and Midwife Prescribing“ kamen am 18. September 2026 in Florenz Vertreter:innen der europäischen Pflege- und Hebammenverbände zur EFNNMA-Konferenz zusammen. Es ging vor allem um die Frage, wie Pflegefachpersonen und Hebammen ihre Kompetenzen beim Verordnen eigenständig und sicher einsetzen können.
Das European Forum of National Nursing and Midwifery Associations (EFNNMA) ist die zentrale Stimme der Pflege- und Hebammenverbände in der Europa-Region der WHO.

Den Auftakt der Konferenz machte Baroness Prof. Dr. Anne Marie Rafferty mit der Keynote „Nurse Prescribing – Reflections from Research“. Sie ordnete die Entwicklung der pflegerischen Verordnungsbefugnis wissenschaftlich ein. Forschung und Erfahrungen zeigen: Werden Pflegefachpersonen entsprechend qualifiziert und erhalten sie einen klaren Handlungsrahmen, können sie zu einem besseren Zugang, größerer Versorgungskontinuität und einer personenzentrierten Behandlung beitragen. Verordnen ist dabei keine isolierte Einzeltätigkeit, sondern Teil eines umfassenden klinischen Entscheidungsprozesses.
Dr. Caroline Bohlender richtete anschließend mit „Diverse Systems, Shared Goals: Regulating Nurse & Midwife Prescribing in Europe“ den Blick auf die regulatorische Vielfalt Europas. Grundlage waren Ergebnisse ihrer 2025 an der Northumbria University abgeschlossenen Dissertation zur Bedeutung professioneller Regulierung für die Entwicklung von Advanced Practice Nursing. Das Spektrum reicht von abhängigen oder protokollgestützten Modellen bis zum eigenständigen Verordnen. Bereits in einem Webinar des ICN-NP/APN-Netzwerks im März 2026 hatte Bohlender herausgearbeitet, dass verbindliche Bildungsstandards, Registrierung, Titelschutz und regelmäßige Revalidierung wesentliche Voraussetzungen für Vertrauen und Patient:innensicherheit sind. Damit knüpft die Diskussion unmittelbar an die ICN-Leitlinien zur Verordnungsbefugnis von Pflegefachpersonen von 2021 und zu Advanced Practice Nursing von 2020 an.
Praxisbeispiele aus verschiedenen Gesundheitssystemen ergänzten die Keynotes. Sie zeigten, dass tragfähige Modelle nicht allein durch eine gesetzliche Erlaubnis entstehen. Ebenso notwendig sind verbindliche Bildungsstandards, eindeutige Verantwortlichkeiten, institutionelle Unterstützung, interprofessionelle Zusammenarbeit und der Zugang zu Gesundheitsdaten sowie digitalen Verordnungssystemen. Eigenständiges Verordnen entfaltet den größten Nutzen, wenn auch weitere Befugnisse – etwa zur Diagnostik, zur Anordnung von Untersuchungen, zur Überweisung und zur Verlaufskontrolle – schlüssig geregelt sind.
EFNNMA hat eine Expertenkommission zu den Verordnungsbefugnissen von Pflegefachpersonen und Hebammen eingerichtet. Ein erster Entwurf für ein Positionspapier wurde in Florenz beraten, jedoch noch nicht verabschiedet. Er soll im weiteren Verfahren zu einer gemeinsamen EFNNMA-Position weiterentwickelt werden. Der Entwurf bündelt die bisherigen Erkenntnisse und spricht sich dafür aus, das Verordnen durch Pflegefachpersonen und Hebammen nicht als Delegation ärztlicher Tätigkeit, sondern als regulierte berufliche Verantwortung im Rahmen der jeweiligen Ausbildung, Kompetenz und des Tätigkeitsbereichs anzuerkennen. Vorgeschlagen werden gemeinsame rechtliche Grundsätze in Europa, eine angemessene Qualifizierung, der Ausbau von Advanced-Practice-Rollen, eine geeignete klinische und digitale Infrastruktur sowie begleitende Forschung.
Die Konferenz setzte damit ein klares Signal: Mehr berufliche Autonomie ist kein Selbstzweck. Sie muss dazu beitragen, pflegerische und hebammenkundliche Expertise wirksam für eine zugängliche, sichere und zukunftsfähige Gesundheitsversorgung einzusetzen.
Literatur:
International Council of Nurses. (2021). Guidelines on Prescriptive Authority for Nurses. Geneva: ICN. Publikationsseite und Download
International Council of Nurses, NP/APN Network. (2026). Prescriptive Authority for Nurses – Global Perspectives in Advanced Practice [Webinar, 11. März 2026]. Webinarseite mit Aufzeichnung und Präsentationen
Bohlender, C. (2025). Professional Regulation’s Contribution to theDevelopment of Advanced Practice Nursing: A European Exploration [Doctoral dissertation, Northumbria University]. Northumbria University Research Portal Unveröffentlicht.