„Versorgung ist Teamarbeit!“

Pflegetag Nordrhein-Westfalen zeigt große Bereitschaft für erweiterte Pflegepraxis bei Pflegenden und Ärzt:innen

24.09.2026

Die Versorgung einer alternden Bevölkerung wird zunehmend herausfordernd und darauf braucht es Antworten. Allen voran: Die fachlichen Kompetenzen von Pflegefachpersonen in Nordrhein-Westfalen endlich besser zu nutzen und ihre Entscheidungsmöglichkeiten auszuweiten. Der Pflegetag Nordrhein-Westfalen am Mittwoch in Köln hat gezeigt: Die Bereitschaft dafür ist groß, auch bei den Ärzt:innen. Und die Zeit für kleinteilige Schritte ist abgelaufen, machte der Vorsitzende des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) Nordwest, Dr. Martin Dichter, in seiner Eröffnungsrede deutlich.

Pflegefachpersonen können mehr, als sie rechtlich dürfen. In dem Punkt waren sich die rund 300 Teilnehmenden des Pflegetags Nordrhein-Westfalen einig. Wunden versorgen, Hilfsmittel anordnen, Medikation anpassen: In diesen und vielen weiteren Bereichen sollten Pflegefachpersonen aus Sicht der Berufsgruppe dringend mehr entscheiden dürfen, zeigte eine Live-Abstimmung im Rahmen eines berufspolitischen Publikumsdialogs.

Eine Wundexpertin aus der ambulanten Pflege schilderte, dass sie trotz ihrer Fachkompetenz keine eigenständigen Entscheidungen in der Wundversorgung treffen könne. Ein Einrichtungsleiter aus der Eifel berichtete von vermeidbaren Verzögerungen bei der Hilfsmittelversorgung, weil Pflegefachpersonen auf ärztliche Anordnungen warten müssten, die eigentlich in den pflegerischen Kompetenzbereich fielen. Auch bei der Anpassung von Schmerzmedikation wurden langwierige Abstimmungswege als Hindernis für eine schnelle Versorgung benannt.

Dass es selbst auf ärztlicher Seite eine wachsende Bereitschaft gibt, die Rolle von Pflegefachpersonen in der Gesundheitsversorgung neu zu denken, wurde gleich in zweierlei Hinsicht deutlich. Zum einen stellte Dichter die Ergebnisse einer im Rahmen des ENROLE-acute Projektes durchgeführten Studie zur Einstellung von Pflegefachpersonen und Ärzt:innen gegenüber erweiterten Pflegerollen in der Akutversorgung vor. Die befragten Ärzt:innen stimmten mehrheitlich dafür, auch Tätigkeiten wie das Anordnen von Medikamenten und diagnostischen Untersuchungen oder die Interpretation von bildgebenden Verfahren wie Röntgenbildern nach festgelegten Kriterien auf Pflegeexpert:innen zu übertragen. Zum anderen befürwortete auch Allgemeinmedizinerin und Vorständin des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe Dr. Laura Dahlhaus auf dem Pflegetag Nordrhein-Westfalen eine neue Rollenverteilung im Gesundheitswesen, die die fachliche Kompetenz von Pflegefachpersonen besser widespiegelt. „Versorgung ist Teamsport!“, so Dahlhaus. In der Praxis gebe es kein „Kompetenzgerangel“ zwischen Ärzt:innen und professionell Pflegenden. Dahlhaus machte sich für pragmatische Lösungen unter anderem bei Verordnungen stark. Zugleich weitete sie den Blick auf die gesellschaftliche Verantwortung zu der Frage: „Wie wollen wir eine ältere, multimorbide Bevölkerung versorgen?“ Das sei keine Aufgabe der Selbstverwaltung allein, sondern müsse auch von Politik und Bürger:innen beantwortet werden.

Auch aus Sicht der politischen Verwaltung kommt es nun darauf an, die rechtlichen Möglichkeiten in der Versorgung tatsächlich wirksam werden zu lassen. Lukas Schmülling vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen machte deutlich, dass neue Befugnisse auf dem Papier allein nicht ausreichen: „Eine neue Befugnis, die im Dienstplan keine Zeit und im Ablauf keine Zuständigkeit hat, bleibt eine Theorie.“ Entscheidend seien klare Verantwortlichkeiten, nachvollziehbare Stellenprofile und eine tragfähige Finanzierung.

Für den DBfK Nordwest geht es darum, dass die mit dem Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege (BEEP) geschaffenen Möglichkeiten nun endlich Anwendung finden. „Die Zeit für ‚eins nach dem anderen‘ ist vorbei“, so Dr. Martin Dichter. „2030 kommt der erste große Knick in der Altersdemografie. Wir können es uns nicht leisten, vorhandene Kompetenzen weiter ungenutzt zu lassen.“

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